Portraits


		
						
	
		

					
			
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Die Geschichte des Bieres ist eine der ältesten, die in unserer Kulturgeschichte erzählt wird. Die des Kriegführens dürfte jedoch ähnlich alt sein. Es gibt viele Gründe, warum Krieg und Alkohol seit ewigen Zeiten untrennbar miteinander verwoben sind.

Schon die römischen Feldherren gaben ihren Soldaten Alkohol mit auf die langen, beschwerlichen Wege. Römer und Griechen heben sich in der alten Geschichte als Weinvölker heraus, während die meisten anderen – die früheren Sumerer, Babylonier, Ägypter – eher Getreidevölker, also Biervölker, waren. Dementsprechend hatte Bier auch dort einen höheren Stellenwert.

Als Wirtschaftsfaktor war Bier aber noch eher unbedeutend, obwohl die Biersteuer keineswegs eine Erfindung der Neuzeit ist. Die Wittelsbacher waren hierbei wohl am erfindungsreichsten und finanzierten so manchen ihrer vielen Kriege mit Bier- und Salzsteuer. Die Herrscher des Mittelalters hielten dabei ihre Soldaten, die nur für den Krieg rekrutiert wurden und danach wieder zurückkehrten an den heimatlichen Hof, soweit unter Kontrolle, dass sie ihnen ihre Ernährung vorgaben.

Das änderte sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts mit der Erfindung des Landsknechts. Damit begann auch das Zeitalter des Plünderns, mit seinem schrecklichen Höhepunkt im Dreißigjährigen Krieg. Denn die Landsknechte mussten sich selbst versorgen („Der Krieg ernährt den Krieg!“), und kein Fass Bier, keine Brauerei war vor ihnen sicher.

Im 17. Jahrhundert nahm der Niedergang der Bier- und Braukultur in Mitteleuropa rasante Fahrt auf. Neben den elenden Kriegen wurde den Brauern das Leben auch durch zahlreiche neue Produkte erschwert: Tee, Kaffee und Kakao wurden immer beliebter beim selbstbewussten Bürgertum. Der Niedergang des Bieres konnte erst im späten 18. Jahrhundert beendet werden, bevor im Zeitalter der industriellen Revolution dann ein beispielloser Wiederaufstieg als Volksgetränk erfolgte. Wobei Kriegstechnik und Brautechnik gleichermaßen rasant modernisiert wurden. In demselben Umfang, wie die Braubranche ein wichtiger Industriezweig wurde, stieg auch ihre Bedeutung für den Fall eines Krieges. Zur Aufrechterhaltung der Moral bei der Truppe und der Bevölkerung ebenso wie zur lebenswichtigen Sicherstellung der Ernährungsgrundlagen.

Soldaten im 1. Weltkrieg mit ihrer Verpflegungsration Bier
Soldaten im Ersten Weltkrieg mit ihrer Verpflegungsration Bier

 

Der Erste Weltkrieg

Erstmals wirklich dokumentiert wurden diese Zusammenhänge dann im Ersten Weltkrieg. Die Soldaten auf deutscher Seite machten dabei die prägendsten Erfahrungen. Durch den Krieg kamen die überwiegend jungen Männer oft überhaupt zum ersten Mal in Berührung mit den Themen Rausch und Alkohol. Und durch die regional gut durchgemischten Truppen lernten sie bei dieser Gelegenheit gleich die ganze Vielfalt der deutschen Bier-, Wein- und Schnapsproduktion kennen. Für viele Tausende blieben diese Erfahrungen von kurzer Dauer, weil sie nicht mehr heimkehrten.

Mit der britischen Seeblockade wurden auch die Vorräte knapp. Kartoffeln, Gerste und Zucker wurden allerdings zuerst bei der Zivilbevölkerung rationiert, bevor die Engpässe die Schützengräben erreichten. Aber auch dann wussten sich viele Soldaten zu helfen. Man kaufte, stahl oder requirierte einfach in den besetzten Gebieten. Je länger der Krieg andauerte, desto mehr verschob sich der Alkoholkonsum dann jedoch weg vom Bier hin zu Schnaps oder Wein. Es ging nicht mehr um den Genuss, sondern um den Rausch, das Abschalten vom Grauen. Die Rationen wurden festgelegt auf einen halben Liter Bier, einen Viertelliter Wein oder einen Achtelliter Branntwein.

Erich Maria Remarque beschreibt in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ eine fast urlaubsartige Szene der jungen Männer um Paul Bäumer: „Über unsern Köpfen schwebt dicker Qualm. Was wäre der Soldat ohne Tabak! Die Kantine ist eine Zuflucht, Bier ist mehr als ein Getränk, es ist ein Zeichen, dass man gefahrlos die Glieder dehnen und recken darf.“ Und Arnold Zweig schrieb in seinem Roman „Erziehung vor Verdun“: „Man kann den Krieg führen ohne Frauen, ohne Munition, sogar ohne Stellungen, aber nicht ohne Tabak und schon gar nicht ohne Alkohol.“

Die Briten tranken Rum, die Franzosen Rotwein und die Russen Wodka. Die deutschen Soldaten erhielten eine tägliche Ration von einem Zehntelliter Branntwein, den man als Schnaps, aber auch in Form von Bier erhalten konnte. Der Konsum von Alkohol, eigentlich als Gefährdung der Disziplin drakonisch zu bestrafen, war hier ein probates Mittel, die Truppe im Stellungskrieg überhaupt noch halbwegs bei Laune zu halten.

Die Forderung nach Aufrechterhaltung der Alkoholproduktion im Krieg fand jedoch beileibe nicht nur Freunde. Der Deutsche Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke agitierte heftig gegen diese angebliche Verschwendung wertvoller und rarer Rohstoffe, die für die Lebensmittelversorgung viel wichtiger seien. Der Verein wollte auch das Bierbrauen verbieten, da die Gerste für Frauen und Kinder wertvolle Nahrung darstelle. Und Branntwein dürfe überhaupt nur für technische Zwecke und als Heilmittel verwendet werden. Erfolg war dieser Kampagne jedoch nicht beschieden.

Im Ersten Weltkrieg wurde Bier von manchen als Verschwendung wertvoller Lebensmittel betrachtet
Im Ersten Weltkrieg wurde Bier von manchen als Verschwendung wertvoller Lebensmittel betrachtet

 

Kein Ende

Ein Ende der Verknüpfung von Krieg und Alkohol ist nicht abzusehen. Es bleibt das ernüchternde Fazit, dass die Menschheit irgendwo wohl immer Krieg führen wird, und die Menschen ebenso immer versuchen werden, es sich innerhalb des Krieges so einzurichten, dass man nicht wahnsinnig wird bei all dem Chaos und der Gewalt. Und für viele Beteiligte gehörte in der Vergangenheit, und gehört auch in Zukunft, Bier wohl unabdingbar dazu. Als Belohnung, als Nahrung, als Motivation und als Therapie gegen den Irrsinn des Krieges.

In den Schützengräben des Ersten Weltkrieges stellte Bier oftmals eine der wenigen Illusionen eines „normalen“ Alltags dar Foto: bmewett/pixabay.com Westfront
In den Schützengräben des Ersten Weltkrieges stellte Bier oftmals eine der wenigen Illusionen eines „normalen“ Alltags dar (Foto: bmewett/pixabay.com Westfront)

 

Den ausführlichen Artikel „Das Bier und der Krieg, der Krieg und das Bier“ von Günther Thömmes findet ihr in der BRAUWELT Nr. 39, 2018.

Etwas leichtere Lektüre von Günther Thömmes können wir auch empfehlen: Sein neuestes Buch „Der Limonadenmann“ ist seit Anfang September erhältlich.

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