Portraits


		
						
	
		

					
			

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Die deutsche Biergeschichte hat für deutsche Kreativbrauer viel mehr zu bieten als Re-Importe aus den USA oder sonst wo. Es gibt eine ganze Reihe einst sehr beliebter Biere, die heute weitgehend vergessen sind, z.B. das Zerbster Bitterbier, das Bernauer, der Kniesenack oder die Garley.

 

Zerbster Bitterbier – der Sage nach schon Genussmittel für Karl den Großen

Zerbst ist eine Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Auch wenn schon Karl der Große Zerbster Bier getrunken haben soll: Die belegte Braugeschichte beginnt im 14. Jahrhundert, im 15. Jahrhundert waren im Ort sage und schreibe 550 Brauer registriert! Das Zerbster Bier wurde landesweit bekannt und berühmt. In vielen der ersten Bierbücher und Enzyklopädien des 16. und 17. Jahrhunderts wurden Lobgesänge auf das Zerbster Bier angestimmt. Alle Rohstoffe kamen aus der Region, sogar der Hopfen wurde im Zerbster Umland angebaut.

Das Bier war ein dunkleres Bier als die anderen, ein reines Gerstenmalz-Produkt, dessen Malz durch Rösten auf Erlenholz ein besonderes Aroma entwickelte. Die Zerbster Brauer verstanden sich wohl besonders gut auf das Verschneiden der Biere, denn aus gleichen Suden wurden „Kaufbier“ und „Dünnbier“ produziert, die beide dankbare Abnehmer fanden. Offenbar spielt auch die Umgebungsluft eine Rolle, denn in und um Zerbst wurde auch viel Wein angebaut. Die Weinhefen der Luft sorgten bei der Gärung anscheinend für das besondere Flair. 

Der Untergang begann, wie für die meisten heute ausgestorbenen Biere, mit der Industrialisierung im 18./19. Jahrhundert. 1949 wurde das letzte Bitterbier gebraut.

 

Das Bernauer – aus einer Stadt, die auf Bier gegründet ist

Bernau in der Mark Brandenburg, etwas nördlich von Berlin gelegen, verdankt angeblich sogar seine Gründung dem Bier. Markgraf Albrecht „der Bär“ soll bei einem Jagdausflug im Jahr 1140 bei einem Wirt im Wald so gutes Bier getrunken haben, dass er dort die Gründung einer Siedlung angeordnet habe: Bernau. Die Blütezeit des Bernauer Biers begann im 14. Jahrhundert. Feuersbrünste, Pest und Kriege töteten oder vertrieben in den nächsten einhundert Jahren etwa 80 Prozent der Bevölkerung Bernaus. Erst nach 1650 ging es wieder aufwärts.

Das Bernauer Bier wurde beschrieben als „schwarzbraun, stark und bitter“. Hergestellt aus Gerstenmalz, das unter sehr hohen Temperaturen gedarrt bzw. geröstet wurde. Die damaligen Exportbiere werden auf etwa 22 °P Stammwürze geschätzt!

Kurios ist die Legende der Hefe, die in Bernau verwendet wurde: Offenbar lieferte die Luft der Stadt keine gute Hefe, also bezog man sie von außerhalb, aus Wriezen. Um Geld zu sparen, tauchte man im Frühjahr Reisigbesen in die Hefe resp. die Gärbottiche, hängte sie draußen zum Trocknen auf und legte die Reiser zu Saisonbeginn dann wieder in die Bottiche.

In seiner Blütezeit wurde Bernauer Bier nach Hamburg exportiert (als einziges Bier neben Einbecker), nach Berlin und Skandinavien. Der Niedergang wurde recht früh eingeleitet. Die Zollfreiheit fiel, im Gegensatz zu anderen Bieren, und der Aufschwung von Kaffee und Tee brachte das Bernauer Bier bereits zu Beginn des 19. Jahrhundert in Existenznöte. 1816 gab es nur noch drei Brauereien in Bernau, die aber bald auf das beliebtere, helle Bier umschwenkten. 1947 wurde die letzte Brauerei Bernaus geschlossen.

 

Das Erlanger – Mutter aller modernen Exportbiere

Das Erlanger Bier zeichnete sich offenbar nicht durch einen besonderen, durchschlagenden Geschmack aus, sondern sein Ruhm war eine Folge geschickter Geschäftstätigkeit. Zu wenig ist bekannt, um es wirklich als eigenständigen Bierstil zu charakterisieren. Die Verwendung von Gerstenmalz ist überliefert, sowie ein offensichtlich gutes Brauwasser, aus Sandboden gewonnen. Und Hopfen aus der Region wurde verwendet. Das Erlanger war wohl stets ein helles, süffiges Bier, wie es später, im 18. Jahrhundert, als „Bergkirchweihbier“ vermarktet wurde. Die Erfolgsgeschichte begann, wie bei fast allen historischen Bieren, bereits im Mittelalter. Um genau zu sein: Im Jahr 1398, mit der Verleihung des Braurechts. Richtig los im Großmaßstab ging es dann jedoch erst nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Ausgestorbene Bierstile werden für manche Kreativbrauer heute wieder interessant, Rohstoffe und technische Möglichkeiten haben sich freilich gewandelt; im Bild: historisches Sudhaus (Foto: DBB)

Der Zuzug vieler Hugenotten befeuerte die Wirtschaft, um 1830 hatte Erlangen siebzehn Brauereien. Um diese Zeit begann ein massives Exportgeschäft aus Erlangen in die Welt. 1875 exportierte keine Stadt in Deutschland mehr Bier als Erlangen, nicht einmal Einbeck, Kulmbach oder München. Besonders die Amerikaner waren ganz verrückt nach Erlanger Bier. Der 1846 eröffnete Ludwig-Kanal lieferte genug Eis, um die Biervorräte lange vorzuhalten. 1852 wird Erlanger als helles, obergäriges Bitterbier beschrieben, sogar, weil kein untergäriges Lagerbier, unbayerisch genannt.

Im späten 19. Jahrhundert wurde die Konkurrenz immer stärker, besonders die Münchner Großbrauer überflügelten mit moderner Technik, besonders bei der Kälte, die traditionellen, eher kapitalschwachen Erlanger Brauer. Von den einst erfolgreichen Brauern hat bis heute nur die Brauerei Kitzmann überlebt.

 

Der Kniesenack – das Bier, das schon Wallenstein getrunken hat

Der Kniesenack ist insofern ungewöhnlich, weil mit dem Namen nicht die Herkunft angezeigt wird, wie beim Bernauer, Zerbster oder Erlanger. Der Kniesenack kam, und kommt neuerdings wieder, aus Güstrow, etwa 40 km südlich von Rostock gelegen. Über den Namen gibt es verschiedenen Deutungen. Die Brauer Güstrows profitierten schon früh von den Rostocker Hanse- und Handelsbeziehungen, daher ist der Kniesenack auch eine der ältesten Erfolgsgeschichten des Biers in Deutschland. Bemerkenswert ist dabei, dass die Kniesenackbrauer bereits eine eigene Hefe verwendeten, die sie hegten und pflegten, als andere Brauer dies noch dem Zufall überließen. Auch wurde der Kniesenack ungewöhnlich lange gelagert, der Legende nach wurde die Fässer dabei mit Sand und Papier bedeckt.

Der obergärige, rauchige Kniesenack wurde mit Wasser aus dem Fluß Nebel gebraut, der durch Güstrow fließt. Es scheint etwas stärker als der Durchschnitt gewesen zu sein. Exportiert wurde er sowieso, aber auch anderswo nachgebraut, z.B. in Wismar. Während des Dreißigjährigen Krieges herrschte Wallenstein für eine Weile in Güstrow und trank angeblich große Mengen vom Kniesenack. Danach ging es abwärts, bereits Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Kniesenack-Brauereien am Ende. Kniesenack-Rezepte werden aber in der aktiven Hobbybrauerszene sehr gerne diskutiert.

 

Die Garley – weltweit älteste Marke in der Konsumgeschichte

Auch mit der Bierstadt Gardelegen, nördlich von Magdeburg in Sachsen-Anhalt gelegen, ist die Geschichte nicht gnädig umgegangen. Das Jahr 1314 gilt als Geburtsjahr der „Garley“ die seitdem 699 Jahre lang produziert wurde und bis dahin als ältester durchgehend genutzter Markenname der Welt galt. Alte Rezepturen sind dennoch keine überliefert. Für ein paar hundert Jahre waren die Brauer des Ortes verpflichtet, bei einem Kloster „geweihte Hefe“ zu beziehen. Ob es der Bierqualität gut tat oder schadete, steht in den Sternen.

Die Garley war wohl ein Bier aus Gerstenmalz, gutem Wasser und Hopfen aus der Umgebung – wo über lange Zeit sehr erfolgreich Hopfen angebaut wurde, und stand im Ruf eines edlen Bieres. 

Die Blütezeit Gardelegens lag denn auch vor dem Dreißigjährigen Krieg, als die Garley auch nach Lübeck und Hamburg erfolgreich exportiert wurde. Im 19. Jahrhundert sorgte speziell der Aufstieg der Brauereien in Bayern für einen Exportrückgang, und alle Brauereien bis auf eine schlossen in der Folge ihre Tore. Der letzte überlebende Betrieb hielt durch bis 2013. Der aktuelle Besitzer der Brauerei hat jedoch zugesagt, irgendwann die jahrhundertelange Tradition der Garley wieder fortzuführen.

 

Quellen

  • Speckmann, W. D.: „Biere, die Geschichte machten“, Archiv Hopfen & Malz, 2005.
  • Unger, R. W.: Beer in the Middle Ages and the Renaissance, Univ. of Pennsylv. Press, 2007.
  • Pattinson, R.: The Homebrewer’s Guide to Vintage Beer, Quarry Books, 2014.
  • Zimmermann, A. F.: Lehrbuch der Bier-Brauerei, 1852.

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