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Upcycling | Biertreber ist der größte Nebenstrom der Bierproduktion. Häufig wird diese schnell verderbliche Ressource entsorgt, als Tierfutter oder für die Biogasgewinnung verwendet. Dabei gibt es weitere profitable Anwendungen des protein- und ballaststoffreichen Biertrebers, beispielsweise im Lebensmittel-, Verpackungs- oder Kosmetikbereich. Unsere Autorin Fabienne Thöni von der Schweizer Agentur RethinkResource befasste sich ausführlich mit dem Nebenprodukt Biertreber und stellt in diesem Beitrag einige interessante Upcycling-Innovationen vor.

 

Gängige Verwendungen von Biertreber

Bei der Bierproduktion fallen verschiedene Abfallstoffe an. Die größte Abfallquelle ist dabei der Biertreber, der unter anderem aus Spelzen, unverdaulichen Ballaststoffen, besteht, die beim Läutern der Maische nach Abtrennung von der Würze anfallen. Bei den rund zwei Milliarden Hektolitern Bierausstoß weltweit entsteht eben auch ein beträchtlicher Anteil an Biertreber. Biertreber macht etwa 85 Prozent aller Abfallstoffe der Bierindustrie aus. Man schätzt, dass die Brauereien weltweit jährlich etwa 30 bis 40 Millionen Tonnen Biertreber produzieren.

 

Eigentlich viel zu wertvoll als ihn zu Tierfutter zu verarbeiten: Biertreber
Eigentlich viel zu wertvoll als ihn zu Tierfutter zu verarbeiten: Biertreber

 

Biertreber enthält ebenfalls koagulierte, unlösliche Proteine, die ihn zu einer nützlichen Proteinquelle machen. Durch diesen hohen Proteinanteil wird Biertreber häufig als Eiweiß-Futtermittel verwendet und ersetzt beispielsweise Sojaextraktionsschrot. Eine weitere gängige Anwendung des Trebers ist die Energiegewinnung. Größere Brauereien versuchen durch den Bau einer Anlage zur anaeroben Vergärung der Reststoffe ihren Energiebedarf zu decken. So wurden bereits Anlagen entwickelt, die bis zu 16500 Tonnen Biertreber pro Jahr in Energie umwandeln können. Der Gärrest, der bei der Biogaserzeugung anfällt, wird meist als Dünger in der Landwirtschaft verwendet.

Pro hl Bier bleiben etwa 20 bis 25 kg Treber im Läuterbottich zurück. Dieser Treber enthält zwischen 70 und 80 Prozent Wasser, die Trebertrockensubstanz setzt sich dabei etwa wie folgt zusammen:

Eiweiß: 30%
Fett: 8%
Stickstofffreie Extraktstoffe: 40%
Cellulose: 18%
Mineralstoffe: 4%

 

Kasten Definition: Upcycling

 

Treber im Brot, Müsli oder als Snack

Eine weitverbreitete Idee, um Biertreber wiederzuverwerten, liegt in der Kreation eines neuen Lebensmittels. Der hohe Protein- und Ballaststoffgehalt des Trebers legt nahe, beispielsweise einen Snack oder Brot aus Biertreber herzustellen. Letzteres wird oft für spezifische Events produziert oder in Brauereien verkauft. So konnte RethinkResource beispielsweise bereits eine lokale Brauerei in Zürich mit einer Bäckerei vernetzen, die nun ein neues Monatsbrot – das Biertreberbrot – anbietet.

Doch Biertreber schmeckt nicht nur salzig, sondern auch süß. So stellte die Schweizer Föhrenbier Manufaktur, Sargans, beispielsweise ein Müsli auf Biertreberbasis her. Brauerin Tania Kägi erklärt, dass sie die großen Mengen an überschüssigem Biertreber nicht verschwenden wollte und so eine neue, einfache Lösung fand. „Man muss den Treber nur trocknen, mit Öl im Ofen rösten und mit verschiedenen Flocken, Nüssen und Beeren zu Müsli weiterverarbeiten – ganz einfach“, erklärt sie. Obwohl der Biertreber nur etwa 20 Prozent des Müslis ausmache, hätten erste Kunden Bedenken bezüglich des Alkoholgehalts gehabt. Nachdem die Brauerei jedoch kommunizierte, dass kein Alkohol im Müsli enthalten ist, schwanden die Zweifel kontinuierlich, und das Müsli wurde als nachhaltiges Produkt bekannt. Die Föhrenbier Manufaktur stellte die Produktion des Müslis jedoch vor einem Jahr ein, da der Aufwand für die kleine Brauerei zu groß wurde. In diesem Fall wäre eine Auslagerung des Müslis denkbar gewesen, damit der Bedarf nach dem Snack, gleichzeitig aber auch jener nach dem Bier gedeckt werden kann. Ein typisches Beispiel, bei welchem RethinkResource als Mediator wirken konnte, indem die wichtigen Teilnehmer vernetzt, und die richtige Businessstrategie gefunden wurde.

 

Treber auf dem Teller: SuperGrain+ Pasta
Treber auf dem Teller: SuperGrain+ Pasta

 

Ein anderer Snack, der nach wie vor auf dem Markt ist, sind die Biertreber-Chips der Schweizer Brauerei Locher AG, Appenzell. Die Tschipps enthalten eine Kombination aus Biertreber und Hefe aus dem Gärkeller. Der beliebte Snack aus den Nebenprodukten liefert pflanzliches Protein, Mineralstoffe und Nahrungsfasern. Die Konsistenz der Tschipps ähnelt jener herkömmlicher Kartoffelchips, da der Biertreber vor dem Verbacken gemahlen wird.

 

Treber-Mehl

Anstelle eines fertigen Produkts kann Biertreber auch zu Mehl verfeinert werden, um es so wiederum in verschiedenste Produkte zu verbacken oder zu verarbeiten. Dies gelang dem Amerikaner Dan Kurzrock mit einer innovativen, zum Patent angemeldeten Technologie. Er war gerade mal neunzehn Jahre alt – in den USA noch nicht alt genug, um Bier zu kaufen – als dem Studenten beim Heimbrauen mit einem Kollegen auffiel, wie viel Biertreber bei der Bierproduktion anfällt. Anstatt den Treber wegzuwerfen, begann Dan Kurzrock den Biertreber in Brot zu verbacken. Dieses verkaufte er an seine Mitstudenten, wodurch er sich wiederum die Zutaten für die Herstellung seines Bieres finanzierte.

Aus diesem ersten kreisläufigen Wirtschaftsmodell entwickelte sich 2013 schließlich die Firma Regrained, San Francisco, USA. „Wir arbeiten als Mediator zwischen Brauereien und Lebensmittelherstellern. Aus dem Biertreber stellen wir SuperGrain+ her, ein Mehl auf Biertreberbasis, und vermitteln es an Lebensmittelproduzenten, die dann die unterschiedlichsten Produkte daraus kreieren“, erklärt Kurzrock im Gespräch mit RethinkResource. Spent grain, Englisch für Biertreber, sei eigentlich das falsche Wort für diesen Produktionsnebenstrom, denn das Getreide (grain) sei nicht verbraucht (spent), sondern enthalte viel Protein und Ballaststoffe sowie Eisen, Zink und Magnesium, erklärt Kurzrock weiter. Deshalb nannte er sein Produkt aus Biertreber SuperGrain+, um die wertvollen Inhaltsstoffe und das Plus für die Umwelt zu unterstreichen. „Es hat einen wunderbar nussigen Geschmack. All die Vorteile waren uns bei der Gründung des Unternehmens noch gar nicht bewusst“, meint Kurzrock.

Regrained selbst stellen einen Getreideriegel und einen puffreisähnlichen Snack aus SuperGrain+ her, vermitteln ihr Supergetreide jedoch an viele weitere Lebensmittelhersteller, das so Anwendung in Snacks, Backwaren oder Gewürzen findet. Auch Pizza- oder Pastaproduzenten verwenden das Supergrain+ Mehl, sogar in Europa, wo Regrained mit dem italienischen Nudelhersteller Barilla zusammenarbeitet.

 

Menschliche Ernährung: hochwertigste Anwendung von Food Waste

Ähnliche Vorteile des Biertrebers entdeckte Ashwin Gopi, der ebenfalls ein Mehl aus dem Brauereinebenprodukt herstellt: Rise Flour. Auch er erkannte das Potenzial des Biertrebers und suchte so nach verschiedenen Anwendungen für den Wertstoff. Neben Tierfutter, Verpackung oder Kosmetik entschied er sich jedoch für eine Applikation im Lebensmittelbereich. „Wir haben uns letzten Endes für die Produktion des Mehls entschlossen, weil die menschliche Ernährung laut der EPA Food Recovery Hierarchy die beste Anwendung von Food Waste ist“, erklärt Gopi gegenüber RethinkResource. Zudem sei Mehl ein allgemein bekanntes Produkt, das man einfach verpacken und transportieren sowie bequem in verschiedenen Rezepten weiterverarbeiten könne. Gopi sieht jedoch einen Nachteil im Biertreber: Durch seine Feuchte ist er nur sechs bis acht Stunden haltbar, weshalb sich die Firma auf lokale Brauereien im Raum Brooklyn, New York, wo auch die Firma Rise ansässig ist, beschränken muss. Dies sei jedoch nur ein kleines Problem, im Vergleich zu all den Vorteilen. „Neben dem hohen Anteil pflanzlicher Proteine und präbiotischer Ballaststoffe weist das Mehl dank des Biertrebers einen einzigartigen Geschmack und Konsistenz auf, was durch keine andere Zutat imitiert werden kann“, meint Gopi.

 

Bier(treber) macht schön - Männerkosmetik

Nicht nur im Lebensmittelbereich, auch in der Kosmetikbranche ist die Anwendung von Biertreber möglich. Dies wurde dem Amerikaner Jarrett Blackmon bewusst, der 2013 die Firma Damn Handsome Grooming Co, Kalamazoo, USA, gründete, die Seife aus Biertreber herstellt. Als er nach Kalamanzoo zog, einer Stadt mit über 120 verschiedenen Brauereien, dauerte es nicht lange, bis auch er nach einer Anwendung für Biertreber suchte. Dabei stieß er auf eine Anwendung aus dem alten Ägypten: Bierbäder – die Idee der Biertreberseife war geboren. Im Labor wird der Biertreber getrocknet, gemahlen und in die Seife gemischt, was der Seife eine schön körnige Konsistenz verlieh. Die Seife biete einerseits eine profitable Anwendung des Biertrebers, Blackmon sieht jedoch noch einen zweiten Vorteil: „Mit einer Bierseife konnten wir die Marktlücke bezüglich Männerkosmetik adressieren.“ Die Motivation der Kunden, die Bierseife zu kaufen, sei verschieden und schwierig zu verfolgen, wer sie jedoch einmal probiere, würde sie nicht wieder hergeben wollen, so Blackmon.

 

Eine Seife für echte Kerle: Die Bierseife enthält Treber als Zutat
Eine Seife für echte Kerle: Die Bierseife enthält Treber als Zutat

 

Verpackungen aus Biertreber

Beschäftigt man sich intensiv mit Anwendungen von Biertreber, erfährt man auch von einigen Anwendungen im Verpackungsbereich. Eine der bekanntesten davon ist der Eco Sixpack-Ring (E6PR), eine durch die Kollaboration der Werbeagentur Webelievers und der Brauerei Saltwater Brewery, Delray Beach, USA, entstandene Verpackung für Bier-Sixpacks. Anders als die bereits vorgestellten Unternehmen versuchte die Firma nicht primär, eine Weiterverwendung für Biertreber zu finden. Vielmehr störten sich die beiden in Florida angesiedelten Unternehmen an der großen Plastikverschmutzung an der Meeresküste. Sie suchten deshalb nach alternativen Verpackungen für das Bier der Brauerei. „Zuerst versuchten wir, Sixpack-Ringe aus Meeresalgen herzustellen, dies funktionierte jedoch nur teilweise“, erklärt Dustin Jeffers, Co-Founder der Saltwater Brewery im Gespräch mit RethinkResource. So kam schließlich die Idee auf, den Biertreber, der zuvor im Tierfutterbereich weiterverwendet wurde, in eine Bierverpackung zu upcyceln. Mit der Entwicklung der Eco Sixpack-Ringe begann Saltwater Brewery vor rund drei Jahren. Die Entwicklung von E6PR war im Januar 2018 fertig und seit Januar 2019 verkauft die Brauerei ihr Bier nur noch in nachhaltigen Verpackungen. Jeffers ist sehr stolz auf die Erfindung und erklärt, er hätte sich zu Beginn nie erträumt, so großen Anklang mit der Biertreberverpackung zu finden: „Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klatsche: einerseits können wir Biertreber sinnvoll weiterverwenden, andererseits verringern wir die Plastikverschmutzung.“ Die E6PR-Technologie für Sixpack-Verpackungen wurde seither an zahlreiche Bierhersteller weiterverkauft, so beispielsweise auch Corona und Guinness.

 

Aus Bier für Bier: Biertreber als Alternative zu Plastikverpackungen
Aus Bier für Bier: Biertreber als Alternative zu Plastikverpackungen

 

Scheinbar endlose Möglichkeiten

Biertreber bietet also viele weitere Möglichkeiten zur Nutzung neben Tierfutter und Biogasgewinnung. Zahlreiche UnternehmerInnen haben das Potenzial des Biertrebers erkannt, und den scheinbaren Abfallstoff in qualitativ hochwertige Produkte umgewandelt. Lebensmittel-, Kosmetik- und Verpackungsbranche decken aber noch lange nicht alle Möglichkeiten des Biertreber-Upcyclings. Mit den richtigen Ideen, Partnern und Technologien könnten viele weitere Bereiche erforscht und neue Lösungen entdeckt werden.

So bestünde auch die Möglichkeit, einzelne Inhaltsstoffe zu extrahieren und als natürliche Komponenten zu vermarkten. Das Upcycling von Biertreber ermöglicht also nicht nur eine ressourcenschonende, nachhaltige Verwertung, sondern gleichzeitig auch eine profitable Lösung mit prestigeträchtigem Potential.

Dieser Beitrag beruht auf einem Artikel, der ursprünglich in der BRAUWELT Nr. 3 / 2020 erschienen ist (für Abonnenten der BRAUWELT frei zugänglich).

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