Portraits


		
						
	
		

					
			

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Die Bremer Braumanufaktur vereint Regionalität mit sozialem Mehrwert. Ein Teil des Hopfens für die Braumanufaktur wird direkt in Bremen angebaut. Damit unterstützt die Brauerei auch gleich noch das soziale Projekt Gemüsewerft. Michael Scheer und Markus Freybler haben uns beschrieben, wie das funktioniert.

Markus Freybler hat 2014 die Bremer Braumanufaktur gegründet. Das Unternehmen stellt derzeit sechs Spezialbiere her und vertreibt diese unter der Marke Hopfenfänger. Vor vier Jahren suchte der Gypsy-Brauer die Bremer Gemüsewerft auf, um das urbane Landwirtschaftsprojekt für einen regionalen Hopfenanbau zu gewinnen. Das Vorhaben nahm rasant Fahrt auf. Das erste Bier mit Bremer Cascade-Hopfen wurde Ende 2014 eingebraut und die erste Charge des Ale No. 2 war schnell vergriffen. Weitere Chargen folgten und hinzu kam eine weitere Biersorte, diesmal ein Schwarzbier mit Bremer Cascade, Centennial und Chinook. So entstanden eine kleine „Bremische Hallertau“ und ein Regionalitätsmodell, das auch für andere Craft Bier-Produzenten interessant sein kann.

Brauingenieur Markus Freybler im Hopfenfeld der Gemüsewerft in Bremen-Gröpelingen	(Fotos: Michael Scheer)
Brauingenieur Markus Freybler im Hopfenfeld der Gemüsewerft in Bremen-Gröpelingen (Fotos: Michael Scheer)

 

Mini-Hallertau

Die Gemüsewerft ist ein Zweckbetrieb der gemeinnützigen Gesellschaft für integrative Beschäftigung mbH, Bremen. Unterstützt von Gärtnern und Sozialpädagogen, bietet die Gemüsewerft Menschen eine Beschäftigungsmöglichkeit, die aufgrund psychischer Erkrankungen nicht erwerbsfähig sind. 

An zwei Standorten, in Bremen-Gröpelingen und der Überseestadt, gedeihen neben der klassischen deutschen Hopfensorte Hallertauer Tradition auch die für die Craft Bier-Szene wichtigen „C“-Hopfen: Cascade, Chinook und Centennial.

Ungewöhnlich sind nicht nur die Standorte, die sich inmitten von Wohn- bzw. Gewerbegebieten befinden, sondern auch die Form des Anbaus. Die Flächen der Gemüsewerft sind im landwirtschaftlichen Vergleich sehr klein, beide Flächen kommen jeweils auf gerade einmal 3000 m2. Dort gedeihen neben Gemüse, Obst und Kräutern nun auch auf 500 m2 Hopfenpflanzen. Insgesamt etwas mehr als 400 Hopfenpflanzen in 160 Euro-Normbehältern und 80 Euro-Paletten-Beeten.

 

Vorteil Hochbeet

In den Beeten der Gemüsewerft wächst der Hopfen nicht ganz so hoch wie im normalen Anbau, bei 4,5 Metern ist Schluss. Das Gute daran: So reicht noch eine einfache Leiter aus, wenn Reparatur-, Abspannungs- und Erntearbeiten ausgeführt werden müssen.

Ungewöhnlich und vermutlich einzigartig ist auch, dass der Hopfen in Hochbeeten angepflanzt wird. Das bietet den Vorteil, dass die Pflanzen nicht in Kontakt mit eventuell belastetem Erdreich vor Ort kommen. Außerdem bleiben die Pflanzen mobil und können bei einem Flächenwechsel einfach umziehen.

Euro-Palettenbeete im Frühjahr mit Chinook- und Centennial-Hopfenpflanzen in der Bremer Überseestadt
Euro-Palettenbeete im Frühjahr mit Chinook- und Centennial-Hopfenpflanzen in der Bremer Überseestadt

 

Nachteil Hochbeet

Hopfen in Hochbeeten anzubauen birgt jedoch auch Nachteile. Hopfenpflanzen sind Starkzehrer, haben dementsprechend einen hohen Nährstoffverbrauch und wurzeln im fortgeschrittenen Alter einige Meter tief. Da sind im Hochbeet natürlich Grenzen gesetzt. Das Pflanzsubstrat bzw. die enthaltenen Nährstoffe sind endlich und es muss ständig nachgedüngt werden. Außerdem ist die Erde im Hochbeet sehr viel stärkeren Temperaturschwankungen ausgesetzt und trocknet im Vergleich zum normalen Erdreich schneller aus. Es muss also auch sehr viel mehr gegossen werden.

 

Pflanzenschutz

Prinzipiell werden auf der Gemüsewerft alle Erzeugnisse nach den Prinzipien des ökologischen Landbaus angebaut. Es kommen keinerlei Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. Bislang gab es einen einzigen Schädlingsbefall durch Läuse. Das Problem hat sich aber auf ganz natürlichem Weg gelöst. Die Läuse lockten zahlreiche Marienkäferlarven an. Nach etwa einer Woche waren die Läuse auf ein unschädliches Maß dezimiert.

Öffentliches Hopfenzupfen auf der Gemüsewerft
Öffentliches Hopfenzupfen auf der Gemüsewerft

 

Mehrwerte

Zwar kann die Gemüsewerft bisher jedes Jahr mehr Hopfen ernten, die Menge deckt aber dennoch nur einen relativ kleinen Teil des jährlichen Bedarfs der Bremer Braumanufaktur. Der städtische Hopfenanbau liefert aber sehr viel weitergehende Mehrwerte.

Durch die urbane Landwirtschaft wird die Bevölkerung der Städte wieder in den unmittelbaren Kontakt dazu gebracht, wie Lebensmittel hergestellt werden. So kann das Konsumverhalten der Städter positiv beeinflusst werden. Der städtische Ackerbau schafft Orte zum Wohlfühlen, trägt bei zu einer modernen Stadtentwicklung und schafft ganz nebenher Lebensraum für Tiere und Pflanzen in der Stadt. Die geschaffenen Grünflächen sind ein Statement für nachhaltige Lebensentwürfe. Und das lohnt sich sogar: Die Gemüsewerft verkauft nicht einfach nur die Hopfenernte an die Bremer Braumanufaktur. Auch an jeder verkauften Flasche, in der der städtische Hopfen steckt, ist die Gemüsewerft umsatzbeteiligt.

 

Erfolgsmodell

Lokale Allianzen aus Craft Bier-Herstellern und urbanen Hopfenbauern könnten sich zum Erfolgsmodell entwickeln. Die Gemüsewerft, die mittlerweile ihre Pflanzen auch selbst vermehrt, lieferte jüngst 120 Cascade-Hopfenpflanzen an das partnerschaftliche Gartenprojekt Toentje im niederländischen Groningen. Analog zum Bremer Modell produziert Toentje Hopfen für den lokalen Craft Bier-Hersteller Baxbier.

Hopfenpavillon mit Gemüse-Hochbeeten in der Bremer Innenstadt
Hopfenpavillon mit Gemüse-Hochbeeten in der Bremer Innenstadt

 

Ehrliche Produkte

Der städtische Hopfenanbau in kleinem Rahmen kann lokalen Craft Bier-Herstellern Wettbewerbsvorteile bieten. Rohstoffe aus der Region, Umwelt- und Sozialverträglichkeit sowie ein Produktionsprozess, der erlebt werden kann – das sind Alleinstellungs- und Produktmerkmale, die Identifikation schaffen. Sie unterstreichen den handwerklichen Charakter kleiner Unternehmen und sorgen für ein gutes Gefühl beim Konsumenten, der sich nach ehrlichen Produkten sehnt.